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Pinelliae Rhizoma (ban xia)

Pinelliae Rhizoma (ban xia) ist eine wichtige Arzneidroge der Chinesischen Medizin. Die unbehandelte Droge ist als toxisch qualifiziert, weswegen für die innere Anwendung nur die prozessierte Arznei Verwendung finden darf. Daraus kann sich die Frage ergeben, ob auch die ordnungsgemäß vorbehandelte Arzneidroge Pinelliae Rhizoma praeparatum (zhi ban xia) bei innerer Anwendung ein Risiko darstellt.

Die unbehandelte Droge (sheng ban xia)

Die unbehandelte Droge (sheng ban xia) kann schon bei Einnahme einer Dosis von 0,1 bis 0,8 g eine Intoxikation verursachen. Symptome treten nach 30 Minuten bis zu 2 Stunden ein und bestehen in brennenden Sensationen im Mund, Taubheitsgefühl und Schwellung von Mund und Zunge, Schleimhauterosionen, Speichelfluss, Schwierigkeiten den Mund zu öffnen, Trockenheitsgefühl im Rachen, Heiserkeit, Laryngo­spasmus, Dysphagie, Erbrechen und Durchfall. Bei Aufnahme einer exzessiven Dosis kann es zu Leber- und Nierenschäden sowie zu neurologischen Symptomen kommen wie Schwindel, Paresen der Extremitäten, schließlich Koma und Atemstillstand, was zum Tod durch Ersticken führen kann. Bei Kindern kann die Droge die intellektuelle Entwicklung beeinträchtigen und nicht-reversible neurologische Schäden verursachen [1, 2]. Mögliche kardiotoxische Auswirkungen sind Palpitationen, Herzrhythmus­störun­gen (Tachykardie, Knotenersatzrhythmus, Vorhofflattern und -flimmern) sowie Herzversagen [3]. 

Die Schleimhaut reizende Wirkung der Droge wird auf die in ihr enthaltenen spitzen Calciumoxalat-Kristalle zurückgeführt. Eine Studie an Pinelliae Rhizoma praeparatum cum Zingibere et Alumine (jiang ban xia) zeigte, dass durch die Präparation nicht der Gehalt an Calciumoxalat vermindert wird, wohl aber die spitzen Nadeln zu Bündeln geformt werden, die eher stumpfe Nadeln enthalten [4]. Welche Inhaltsstoffe für das gesamte Toxizitäts­spektrum verantwortlich sind, ist bislang nicht ausreichend geklärt. 

Präpariertes Pinelliae Rhizoma (zhi ban xia)

Die wesentlichen drei Prozessierungsverfahren sind:

  • Pinelliae Rhizoma praeparatum (fa ban xia): Dieses ist das Standardverfahren. Die Droge wird durch Einweichen über mehrere Tage in einer Lösung aus Süßholz und Kalk bei einem pH über 12 behandelt. Fa ban xia wirkt besonders gegen Kälte-Schleim und Feuchtigkeits-Schleim.
  • Pinelliae Rhizoma praeparatum cum Zingibere et Alumine (jiang ban xia). In diesem Fall wird die Droge in einer Lösung aus Ingwer und Alumen (bai fan) gekocht. Jiang ban xia wirkt besonders auf die Mitte, löst Schleim, senkt Gegenläufigkeit ab und stillt Erbrechen.
  • Pinelliae Rhizoma praeparatum cum Alumine (qing ban xia). Dieses wird in einer 8%igen Alumen-Lösung gekocht oder längere Zeit eingeweicht. Qing ban xia wirkt hauptsächlich Feuchtigkeit trocknend und Schleim umwandelnd [5].

Fallberichte

Wie ist nun präpariertes Pinelliae Rhizoma (zhi ban xia) hinsichtlich seiner Verträglichkeit zu beurteilen? Während zu Vergiftungen durch die unbehandelte Droge eine Fülle von Fallberichten, teilweise mit hohen Dosen, aus China existiert, haben wir nur drei Fallberichte mit prozessiertem oder vorgeblich prozessiertem Pinelliae Rhizoma aus China gefunden.

In einem Fall nahm eine 45jährige Frau, selbst Ärztin, 15 g „zhi ban xia“ als Bestandteil einer abgewandelten Kombination der Rezepturen xiang sha ping wei san und er chen tang ein. Am nächsten Tag verspürte sie Juckreiz, Schwellung und Schmerzen im Rachen, ein brennendes Gefühl und Heiserkeit. Ihr vorbestehendes Ziehen im Epigastrium verschlimmerte sich und es gesellten sich Appetitlosigkeit und Übelkeit hinzu. Die Apotheke bestätigte die Authentizität der Drogen. Eine spätere Analyse lieferte Indizien dafür, dass die Droge wohl unzureichend vorbehandelt war, weil eine Testlösung der äußeren Drogenschicht keine Symptome verursachte, wohl aber eine solche der inneren Schicht [6]. Außerdem war der reguläre Dosisrahmen von zhi ban xia (3-9 g) überschritten. 

In einem anderen Fall nahm eine 63jährige Patientin ein Dekokt aus fa ban xia 9g, zhi ma huang 9g, gui zhi9g, xi xin 3g, wu wei zi 10g, chuan bei mu 10g, zi su zi 20g, bai jie zi 20g, jie geng 10g ein. Zwei Sunden nach Einnahme einer ersten Dosis entwickelte sie Muskelzuckungen in den Extremitäten, Halluzinationen, Agitiertheit und ein Delirium. Im Krankenhaus, nach weiteren 6 Stunden, zeigte sie sich komatös und delirant, mit einem Puls von 124/min, weiterhin mit Muskelzuckungen, pathologisch gesteigerten Reflexen und feuchten Rasselgeräuschen über der Lunge. 1 Stunde danach erlangte sie wieder das Bewusstsein und die Muskelzuckungen ließen nach [7]. In diesem Fall liegt eine Überdosis von Sinapis Semen (bai jie zi, Standarddosis 3-9 g) und Perillae Fructus (zi su zi, Standarddosis 3-10 g) vor. Ob die Patientin weitere Arzneimittel, z. B. chemisch definierter Art, einnahm, darüber gibt der Bericht keine Auskunft.

Im dritten Fall hatte eine 39jährige Patientin über 20 Packungen von qing ban xia (2 g je Packung) eingenom­men. Bei Einlieferung im Krankenhaus war sie tief komatös mit engen Pupillen, die träge auf Licht reagierten, hatte einen Blutdruck von 175/85, verminderten Muskeltonus und abgeschwächte Reflexe. Durch gastrische Lavage, venovenöse Hämofiltration und Hämoperfusion konnte sie gerettet werden [8]. Wie es zu der Einnahme von über 40 g qing ban xia kam, dazu finden sich keine Angaben in dem Bericht, es ist aber davon auszugehen, dass das nicht aufgrund einer ärztlichen Verschreibung geschah. 

Im Fall 1 handelt es sich um relativ milde Symptome bei einer Überdosis von offensichtlich unzureichend präpariertem Pinelliae Rhizoma. Er spricht nicht für ein Risiko von ordnungsgemäß zubereitetem zhi ban xiaim regulären Dosisbereich. Im Fall 3 handelt es sich eindeutig um eine exzessive Überdosis. Auch daraus kann kein Risiko für reguläre Bedingungen abgeleitet werden. Übrig bleibt der Fall 2 mit  – soweit berichtet – präpariertem Pinelliae Rhizoma (fa ban xia) und im noch regulären Dosisbereich. Da es der einzig auffindbare Fallbericht unter diesen Bedingungen ist, zumal mit heftiger Symptomatik, und keine Prüfung auf ordnungsgemäße Prozessierung stattfand, muss diese angezweifelt werden. Die Symptome sind nicht ganz typisch für solche, die zu unpräpariertem Pinelliae Rhizoma berichtetet werden. Ob dabei die Überdosierungen zweier anderer Arzneidrogen eine Rolle gespielt haben, lässt sich nicht klären.

Dem CTCA sind weder Fälle unerwünschter Arznei­mittelreaktionen gemeldet worden, bei denen Pinelliae Rhizoma eine kausale Rolle gespielt haben könnte, noch sind dem CTCA derartige Fälle aus Europa bekannt geworden. 

Mögliche Inkompatibilitäten

Nach der traditionellen Regel der 18 Inkompatibilitäten ist Pinellia nicht kompatibel mit den Aconitum-Drogen. Die Frage, inwieweit dieses Interaktionsrisiko zutreffend ist, wurde viel diskutiert [9]. Viele berühmte Ärzte beschrieben Rezepturen mit der Kombination von fu zi (Aconiti Radix lateralis praep.) mit ban xia, so Zhang Zhongjing, Li Shizhen, Sun Simiao und andere. Auch in moderner Zeit findet die Kombination nicht selten Anwendung [9].

Wir fanden drei Fallberichte mit beschriebenen Intoxikationen bei gleichzeitigem Einsatz von Pinelliae Rhizoma und Aconitum-Drogen. In einem der Fälle wurde ein Dekokt angewendet, in dem u.a. 8 g zhi ban xia, 10 g zhi chuan wu (Aconiti Radix praep.), 5 g zhi cao wu (Aconiti kusnezoffii Radix praep.) und 8 g chuan bei mu (Fritillariae cirrhosae Bulbus) enthalten waren. Fritillariae cirrhosae Bulbus ist traditionell ebenfalls inkompatibel mit den Aconitum-Drogen. Eineinhalb Stunden nach Einnahme einer ersten Dosis kam es bei einem 44jährigen Mann zu erheblichen Vergiftungs­erscheinungen mit Dyspnoe, Extremitätenkrämpfen, Lähmungs­erscheinungen und eingetrübtem Bewusstsein [10]. Da beide Aconitum-Drogen massiv überdosiert waren, kann man diesen Fall schwerlich für ein Interaktions­risiko unter regulären Verhältnissen heranziehen. Die neurologischen Symptome passen eher zu einer Intoxikation durch unbehandeltes Pinellia als zu einer Überdosierung von Aconit, so dass zu diskutieren ist, ob das eingesetzte Pinellia ausreichend prozessiert war, wobei dessen Wirkung eventuell durch Aconit weiter verstärkt wurde. Da nicht überprüfbar ist, ob eine ordnungs­gemäße Prozessierung vorgenommen wurde, kann diese Frage nicht beantwortet werden. 

In einem anderen Fall wurden 6 g qing ban xia zusammen mit 6 g Aconiti Radix praep. und 6 g Aconiti kusnezoffii Radix praep. eingesetzt. Bereits nach 10 Minuten kam es bei einer 35jährigen Frau zu Vergiftungserscheinungen, die für Aconit typisch sind, mit Vorhofflimmern und Kreislaufschock [11]. Da die Aconitdrogen erheblich überdosiert waren, erklärt sich der Ausgang auch ohne das Konstrukt einer Interaktion. Im dritten Fall nahm ein 30jähriger Patient ein Dekokt mit 10 g ban xia und 10 g fu zi (Aconiti Radix lateralis praep.) ein. Es kam zu Aconit-typischen Intoxikationszeichen mit Bradykardie und Knotenersatzrhythmus [12]. In diesem Fall wird eine Prozessierung von ban xia nicht erwähnt, so dass er keine sichere Referenz für eine Interaktion mit prozessiertem ban xia darstellt.

Experimentelle Studien zu Interaktionen

Zhang Ling et al. führten eine Studie an der Maus durch, in der sie untersuchten, inwieweit die akute Toxizität eines Ethanolextrakts von unprozessiertem Aconiti kusnezoffii Radix durch Ethanolextrakte von fa ban xia, Trichosanthis Fructus (gua lou) und Bletillae Rhizoma (bai ji) beeinflusst wird. Während die Toxizität unter Verabreichung von Trichosanthes- und Bletilla-Extrakt anstieg, fiel sie unter zunehmenden Dosen von fa ban xia-Extrakt ab [13]. Andere Tierversuche zeigten unter der Kombination eine erhöhte Toxizität [9, 14], während eine In-vitro-Studie eine Toxizitätserhöhung nur für nicht-prozessiertes Pinelliae Rhizoma nahelegt [15].

Ein neueres Review identifizierte 1588 klinische Studien oder Fallserien, in denen Aconit und Pinellia gemeinsam in Rezepturen vorkamen. Nur 79 machten spezifische Angaben zu Neben­wirkungen. Meist wurden Pinellia und fu zi zusammen verabreicht, in einer Dosis von 10 bzw. 15 g, die Dosen konnten aber auch bis jeweils 30 g reichen. Am meisten wurden gastrointestinale Nebenwirkungen berichtet, kaum kardiale Symptome, insbesondere keine Herzrhythmusstörungen, während neurologische Auswirkungen nicht schweren Grades eher vorkamen. Insgesamt waren die Angaben in den Studien zu unpräzise bzw. unvollständig, um eine zuverlässige Aussage bzgl. Sicherheit der Kombination Aconit–Pinellia zu erlauben, zumal die anderen Rezepturkomponenten bei den berichteten Nebenwirkungen noch zu berücksichtigen wären [16].

Schlussfolgerung

Bei ordnungsgemäßer Drogenqualität und regulärer Dosierung sind keine ernsten Nebenwirkungen durch Pinelliae Rhizoma praeparatum (zhi ban xia) zu erwarten. Alleargien und leichtere gastrointestinale Beschwerden sind jedoch möglich [17]. Die Standarddosis von 3 bis 9 g sollte unbedingt eingehalten und bei Kindern, alten oder schwachen Patienten angemessen reduziert werden. In der Schwangerschaft ist die Droge kontraindiziert [18]. Auf einen seriösen Drogenbezug ist zu achten. Die Kombination mit Aconit-Drogen wirft wahrscheinlich kein erhöhtes Sicherheitsrisiko auf, doch sollte sicherheitshalber ein vorsichtiges Dosisregime gewählt werden.

Literatur

  1. Yu TT, Li WP and Ding ZS. [Understanding the application and toxicity of Pinelliae Rhizoma] (Chinese). Xiandai Zhongyao Yanjiu Yu Shijian [Chin Med J Res Prac] 2012;26:79-82
  2. Government of the Hong Kong Special Administrative Region, Chinese Medicine Regulatory Office. [A reference book for Chinese medicines which had been reported as adverse events in Hong Kong] (Chinese). https://www.cmro.gov.hk/html/b5/useful_information/public_health/ publication/AdverseEventsIndex.html, 2013 (last amendment 2020)
  3. Chen L, Zhang HZ and Li GX. [Standardized research on clinical symptoms of ADRs involving the circulatory system] (Chinese). Liaoning Zhong Yiyao Daxue Xuebao [Journal of Liaoning University of TCM] 2015;17:66-69
  4. Yu Y, Huang YM, Wu ZJ, et al. [A study on the changes of calcium oxalate needle crystals in toxic Chinese herbs of the Araceae family before and after processing] (Chinese). Zhong Yao Cai [Journal of Chinese Medicinal Materials] 2014;37:1765-1767
  5. Hu CJ, Nögel R, Hummelsberger J and Engelhardt U. Paozhi: Die Aufbereitung chinesischer Arzneimittel. Berlin: Springer, 2018
  6. Li Y. [Cause analysis of one case of poisoning by prepared Pinelliae Rhizoma] (Chinese). Chuanbei Yixue Yuan Xuebao [Journal of North Sichuan Medical College] 1999;14:76
  7. He TG. [A case of processed Pinelliae Rhizoma poisoning] (Chinese). Zhongguo Xiangcun Yisheng Zazhi [Journal of Chinese Rural Physician] 2008;24:111
  8. Wang XL, Chen X, Ran F, et al. [Successful rescue of a patient with coma due to Qingbanxia poisoning: a case report] (Chinese). Zhongguo Zhong Xiyi Jiehe Jijiu Zazhi [Chin J TCM WM Crit Care] 2014;21:472
  9. Du M. [The application of Fuzi and Banxia] (Chinese). Xiandai Zhong Yiyao [Modern Traditional Chinese Medicine] 2008;28:1-2,16
  10. Tang YR. [One case report of adverse reaction to a formula containing Aconiti Radix, Aconiti kusnezoffii Radix, Fritillariae cirrhosae Bulbus, and Pinelliae Rhizoma] (Chinese). Zhongguo Zhongyi Gu Shan Ke Zazhi [Chinese Journal of Traditional Medical Traumatology & Orthopedics] 1991;7:43-44
  11. Yang YJ. [Analysis of a case of poisoning caused by Aconite combined with Pinelliae Rhizoma] (Chinese). Gansu Zhongyi [Gansu Journal of TCM] 1999;12:12
  12. Guo XJ, Liu AS and Chu TY. [Poisoning by incompatibility of Banxia and Fuzi: report of 2 cases] (Chinese). Shandong Yiyao [Shandong Medical Journal] 2004;44:75
  13. Zhang L, Liu CA, Li WH, et al. [Acute toxicity study on the combination of Aconiti Kusnezoffii Radix with Trichosanthis Fructus, Bletillae Rhizoma and Pinelliae Rhizoma] (Chinese). Shizhen Guoyi Guoyao [Lishizhen Medicine and Materia Medica Research] 2014;25:2616-2618
  14. Zhang ZZ, Liu QW, Zhu HN, et al. [Experimental study on the '18 compatibilities' of Chinese traditional medicine--acute toxicity of Aconitum carmichaeli and Pinellia ternata] (Chinese). Zhongyao Tongbao [Bull Chin Materia Medica] 1983;8:33-34
  15. Liu WL, Song FR, Liu ZQ and Liu SY. [A chemical study on the incompatibility of Radix Aconiti and Pinelliae Tuber] (Chinese) (Chinese). Huaxue Tongbao [Chemistry] 2008;71:435-438
  16. Cao C, Liao WY, Zhang JW, et al. [Adverse reaction analysis of clinical use of Pinellia and Aconitum carmichaeli antagonistic combination based on the literature] (Chinese). Zhongyi Zazhi [J TCM] 2025;66:955-962
  17. Zhao JY. [Summary of adverse reactions of traditional Chinese medicines and its preparations in  the recent 10 years] (Chinese). Yunnan Zhongyi Zazhi [Yunnan Journal of TCM] 1991;12:28-31
  18. Wiebrecht A. Leserbrief zu: Behandlung der (Hyper-)Emesis gravidarum mit Chinesischer Medizin. Chinesische Medizin 2019;34:193-195