Navigation

Leberreaktionen treten unter Chinesischer Arzneitherapie sehr selten auf. Eine moderate Erhöhung der Leberenzyme wird allgemein als eine Anpassungsreaktion der Leber angesehen (1). Um eine solche handelt es sich bei einem Anstieg des Enzyms ALT (Alanin-Aminotransferase, auch GPT) bis zum 5fachen des oberen Normwerts bzw. einer Erhöhung der ALP (Alkalischen Phosphatase) oder des Gesamtbilirubins bis zum 2fachen des oberen Normwerts. Darüber hinausgehende Reaktionen werden als Leberschädigung (liver injury) gewertet.

Die schwereren Fälle unter diesen gehen meist mit Gelbsucht einher und können in Extremfällen eine Lebertransplantation erfordern oder tödlich enden. Aus westlichen Ländern sind unter Chinesischer Arzneitherapie insgesamt zwei Todesfälle aus den 90’er Jahren bekannt geworden. In den beiden letzten Jahrzehnten sind keine derartigen Fälle mehr berichtet worden. Die weitaus meisten Leberschädigungen bilden sich folgenlos zurück, wenn die Ursache rechtzeitig erkannt und ausgeschaltet wird. 

Leichtere Leberreaktionen bis zum 2- bis 3-fachen des oberen ALT-Normwerts treten in einer Häufigkeit von deutlich unter 1 Prozent auf (2, 3) und bilden sich nicht selten trotz Fortsetzen der Therapie zurück. Sie können jedoch auch Vorzeichen einer weiter gehenden Reaktion sein. Reaktionen im Sinne eines liver injury ereigneten sich nach einer großen Beobachtungsstudie aus der Klinik Kötzting in 0,12% der Fälle, nur ein Fall unter 21.470 Behandlungen verlief schwer (3).  Es ist wichtig, die Arzneidrogen zu kennen, die mit seltenen Leberreaktionen assoziiert sind, um mögliche Anzeichen für eine Leberreaktion richtig zu deuten und die geeigneten Schritte einzuleiten:

  • Für Polygoni multiflori Radix (he shou wu), sowohl unpräpariert als auch präpariert, ist der Zusammenhang gesichert.
  • Bei Dictamni Cortex (bai xian pi)und Psoraleae Fructus (bu gu zhiist der Zusammenhang wahrscheinlich.
  • Bei den häufig verwendeten Drogen Bupleuri Radix (chai hu)und Scutellariae Radix (huang qin)ist bisher nicht klar, ob die eine oder die andere Droge auch allein oder nur beide zusammen eingenommen eine Leberreaktion verursachen können. Auch wenn in Europa nur sehr selten Reaktionen hierunter aufgetreten sind, sollte man diese Möglichkeit im Auge behalten.
  • Für Ephedrae Herba (ma huang)sind Fälle von Leberreaktionen berichtet worden, für eine definitive Kausalitätszuschreibung reichen sie aber nach gegenwärtigem Erkenntnisstand nicht aus.

Für einige Drogen ist nur bei Überdosierung oder unzureichender Vorbehandlung eine Leberschädi­gung beschrieben, dazu gehören: Toosendan Fructus (chuan lian zi), Meliae Cortex (ku lian pi), Artemisiae argyi Folium (ai ye) und Gleditsiae Fructus (zao jiao).

Auf besonders toxische Arzneidrogen, die in Europa nicht erhältlich sind oder keine Rolle spielen, wie Tripterygii wilfordii Radix (lei gong teng) oder Dioscoreae bulbiferae Rhzoma (huang yao zi), soll hier nicht eingegangen werden.

 

Maßnahmen zur Minimierung eines Leberschadens

Bei Symptomen wie ungewöhnlicher Müdigkeit und/oder länger anhaltender Übelkeit, erst recht bei dunklem Urin und hellem Stuhlgang, bei Gelbfärbung der Augen oder der Haut: 

  • sollte der Patienten umgehend Rücksprache mit dem Therapeuten nehmen, falls das nicht möglich ist, die Therapie aussetzen. Dazu sollte die/der Patient/in über die Symptome aufgeklärt sein.
  • sollten bei entsprechendem Verdacht die verordneten Mittel umgehend abgesetzt werden und die Leberenzyme bestimmt werden. Bei nachweislicher Leberaffektion sollten alle sonstigen dafür in Frage kommenden Ursachen abgeklärt werden, insbesondere Virusinfektionen (s. Vordringliche Diagnostik zur Abklärung bei V.a. Leberaffektion durch CA)
  • sollte der Patienten darauf hingewiesen werden, dass er die verabreichten Mittel nicht wieder einnehmen darf, solange der Verdacht auf eine von diesen ausgehende schädliche Wirkung nicht ausgeräumt ist. 
  • sollte der Fall an das CTCA gemeldet werden, um zur Klärung des Sachverhalts beizutragen und das Wissen über mögliche Risiken zu verbessern.

Zusätzlich hilfreich ist eine regelmäßige Kontrolle der Leberwerte vor und während jeder für länger geplanten chinesischen Arzneitherapie. Diese empfiehlt sich besonders bei:

  • bekanntem Leberschaden, erhöhtem Alkoholkonsum oder Lebererkrankungen in der Anamnese 
  • Patienten über 65 Jahre 
  • Patienten, die andere möglicherweise leberschädigende Medikamente oder Nahrungsergänzungsmittel einnehmen, mit denen Wechselwirkungen auftreten können 

Mindestanforderung ist die Bestimmung der ALT(=GPT), besser ergänzt durch die alkalische Phosphatase (ALP).

Quellen:

1.  Devarbhavi H. An update on drug-induced liver injury. J Clin Exp Hepatol. 2012;2(3):247-59.

2.  Al-Khafaji M. Monitoring of liver enzymes in patients on Chinese medicine. J Chin Med. 2000;62:6-10.

3.  Melchart D, Hager S, Albrecht S, et al. Herbal Traditional Chinese Medicine and suspected liver injury: A prospective study. World J Hepatol. 2017;9(29):1141-1157.

Hier geht es zum Newsletter-Archiv